Die Kinder des Lyaeus

 

 

Prooemium

 

 

Donnergrollen schlurft

auf Gipfeln öd'

 

Rostkrumen getunkt

in Fett und Blut

 

Bettgestell poliert

vom Augenschwamm

 

Pinke Orchidee

in Andacht tropft

auf fäulnissatten Grund

 

Lederband getränkt

mit Siegelwachs

von Briefen unverfasst

 

Kotskulptur garniert

mit Seidenstrang

 

Lichtversuch apart

von Not und Sinn

 

Blitzkaskaden flirr'n

im Schimmern welk

 

 

Sakrileg

 

 

Sanftes Stöhnen gierig gedeiht

brünstig bald umfängt

Deines Körpers emsig Bersten

 

Meine Peitschenhiebe

zergliedern

Luft und Fleisch

 

Deines Leibes Geschäftigkeit

zirkelt Pfad um Pfad

Meinem Finger Einfallsschneise

 

Deine Makel dir

auszukratzen

Stück für Stück

 

Rahmen voller Tand und Zier

in Atem geritzt

umsäumend mein müßig Tätscheln

 

Ein Scherenschnitt

Irrlicht deines

Schamesschleiers

 

Deiner Augen trüber Blick

fesselt meinen Graus

Dein Schatten Schlickwatt meinem Waten

 

Zauberhafte Furchen

züchte ich

Dir, nur Dir

 

 

Echo

 

 

Eine Hand schwebt

regungslos

 

Jene Hand bebt

bedingungslos

 

Diese Hand greift

ruhelos

 

Meine Hand streift

von Wärme bloß

 

Ich throne

in weißem Tuch

Den Kindern liebevoller Vater

 

Ich schreite

in schwarzem Tuch

Den Tölpeln gnadenvoller Richter

 

Ich strahle

wie Gott mich schuf

An hoffnungsgebietend Firmament

 

Mein Wandeln

von Sinne bloß

 

Dies Streben

teilnahmslos

 

Jenes Gelüst

ideenlos

 

Ein Leben

rücksichtslos

 

 

Eromenos

 

 

Ich knie

Ich beuge mich

Ich dürste

Ich recke mich

 

Siedend Pech stürzt mir in den Schlund

Madenschwarm meiner Brust entweicht

Erkannt von Dir zergehe ich, dein

Ophanim in perpetuum

 

Dein Lachen sei meine Labsal

Dein Auge sei mein Seelengrund

Dein Wille sei mein Postament

Dein Anmut sei meine Raison d’être

 

Ich keife

Ich winde mich

Ich würge

Ich excorporiere mich

 

Sein fester Griff

suspekt mir ist

Sein zögernd Blick

mir Schuld verrät

Sein Mienenspiel

mir Bosheit zeigt

Sein Mitgefühl

Geständnis ist

 

Oh Hochwürden Beliar

ernennt dies verzehrte Gefäß zu Eurem Schultheiß

so hüllet mich in samtne Dunkelheit

auf dass ich ihm die Hand vom Leib ford're!

 

Erleuchteter Samael

ich gebe mich als des Vaters Sohn in Eure Hände

so verleihet mir güld'nen Glanz

auf dass ich ihm die Augen ausschachte!

 

Enigmatisch Eurynomos

mein inneres Ödland sei Eurem Triebe Brutstätte

so schärfet meine Hauerchen

auf dass ich ihm das Fleisch vom Haupte nag'!

 

Prinzipal Mephistopheles

meines Lebens Prädestination sei Euer Pfand

so entwirret meines Geistes Chaos

auf dass ich ihm die rost'ge Zung' entzwei'!

 

 

Narfi

 

 

Ein verwitterter Brunnen im Moor

verströmt milden Duft von Süße

 

Ein Epitom an Alldeutigkeit

erhebt sich zitadellengleich

 

Ein alabaster Stiegenstrang

sich schmiegt an obsidian Skelett

 

Ein elend zerlumpter Vagabund

umhüllt von seidenem Faden

stolziert auf sinistren Pfaden

stetig tänzelnd um der Stiege Schlund

 

Steil hinfort dem Weiß entfliehend

Voller Hoffnung dort auf Spiegelgrund

Seelenklar mit Sternen ziehend

Zeichenschreibend in des Dunkels Sund

 

Die Schelmenglöckchen behaupten brach

Das Lächeln nur mehr Schmiererei

Der Körper Landkarte seiner Schmach

Das Ziel vor Augen Narretei

 

Niemand übrig ihn zu verfemen

Des Harlekins letzte Tollheit

in dithyrambisch Heiterkeit

sich des Lebenstrugs zu nehmen

 

Ein graziles Schwanengefieder

zwischen Torf und morschen Ästen

 

Es ist das Purpur der Furcht

das schimmernd weist den Weg

 

Willkommen heißt auf jeder Stufe

der Nachhall meiner schreckend Rufe

 

 

Tenebrae

 

 

Samtene Stille

über Bühle

wallt

 

In flaumig Humus greife ich

Der Aschensaum Gewand mir ist

 

Labende Finstere

zwischen Birken

ruht

 

In jeder Hand Alraunerls Wimmern

Der Mahre Wispern mir Flügel gibt

 

Tröstlich' Grabeskälte

am Richtpfahl

gefriert

 

Im Galgenschein hämisch nach mir züngelt

der Triumphierenden sardonisch Grinsen

 

Traulich' fleischlicher Brodem

als Fixstern

gebietet

 

Im Trugbild meiner Schritte Echo verweht

Der Fratzen Bersten mein Lautenspiel verschluckt

 

Ergötzen wirft´s Gesicht in Falten

Gankal, nimm Dich meiner Keuschheit an!

Des Schweißes Glast hantig blitzt

nebulös Paraphernalia!

 

Lechzen sich in Düsternis verzupft

eifrig von Schädel zu Schädel springt!

Gedeftet der Augen Weiß

nur mehr fragile Undurchdringlichkeit!

 

Schillernde, lasst Chaos uns weisen!

Strahlende, lasst im Tanz uns winden!

Gewaltige, nehmt was Euch geboten!

Göttliche, bemächtigt Euch meiner!

 

Wollust wuchert unter Eurem Blick

Hastig buhl' ich um Euren Segen

 

Daseinswille entfacht vom Rühren

Eurer Glieder Odeur ich heische

 

Wir klimmen empor

einig

endlos

 

Was bleibt, bemäntelt

diffus

dahin

 

 

Heilige Nacht

 

 

Oh, wie friedlich

In Weiß gehüllt so weit der Blick auch reicht

 

Oh, wie festlich

In Gelb getaucht adventlich' Wintertraum

 

Ein Hauch

von feinem Harz

glasig' Blau sacht durchzieht

 

Dämmergrau

weicht der Nacht

Heimkehr schöner nie war

 

Lustiges Tanzen fruchtvoller Flammen

Munteres Flackern schwungvoller Schatten

 

Müdigkeit behäbig

von Schindeln und Tafeln tropft

belassen ich bleibe

eingedenk meiner Brüder Schlafen

 

Scheu fordert Väterchen Frost

vom Ofen die Kälte zurück

Elegisch Lamento hallt

indes sie kriechet und weichet

 

Pendelschläge sausen ins Genick

Der Wind greint feist im Treppenhaus

Stimmen dringen aus mürbem Holz

Höhnend Spiegelglas umkreiset mich

 

Bodenloses Gleißen

Gruben voller Gold

Edle Stickereien

verschlingen Grusliges

 

So bann' ich den Mond

der da wachet über mir

suche seiner Kinder Spiel

im Funkeln allen Eises

 

So halt' ich mir mein Angesicht

von Angesicht vor Augen

Sammle meine Tränen

im Zittern meiner Glieder

 

So vergeht mir mein Angesicht

so abgrundtief sich windet

Trachte meiner Glieder

im Griffe meiner Wirrsal

 

Oh, wie schade

im Schnee verscharrt

 

Oh, wie traurig

tausendfach gebrochen

 

In jedem Stück Kristall

ein Trumm Erinnerung

 

 

Naglfar

 

 

„Hörst Du das Raunen des Odin?

Es verkriecht sich

begehrt Einlass

in der Bergföhren

verkrüppelt Herzen.

 

Siehst Du das Funkeln des Mani?

Es erhellt Dich

Solitärer

Weltenwanderer

erstarrter Limbi.

 

Ehrst Du das Wachen des Heimdall?

Er versagt Dir

versprochenes

Gipfelheiligtum

aus bloßer Bosheit?

 

Folgst Du Forsetis Judikat?

Er bewahrt Dir

treu verehrten

Daseinsbronnen

auf fahlem Katafalk.

 

Riechst Du den süßen Duft der Hel?

Sie verlockt mit

Vergessenheit

Überzieht den Forst

mit opaquem Hauch.

 

Glaubst Du den Worten Lokis?

Er berückt die

Himmelsflammen

Sleipnirs Aufstieben

Dir zuzueignen.“

 

Die Bäume der Wälder verharren weit zurück

Die Böen des Windes entheben von Appell

Die Kinder des Berges umbranden ohne Ziel

Die Mühen der Bäche entfernen alle Qual

 

Die Bohlen der Kate wendeln sich empor

Die Schindeln des Daches nadeln vom Gebälk

Die Läden der Fenster ächzen vor Verdruss

Der Riegel der Türe schaukelt ins Leere

 

Die Messer und Gabeln trotten im Karree

Die Laden der Schränke geben Wunder preis

Die Dielen der Stube schmelzen beim Passier'n

Die Stufen der Stiege bröckeln unter mir

 

Unterm Giebel hängt ein Kasten

baumelt umher

Im Kasten liegt ein Schreiben

meiner Liebsten

 

 

Lilith

 

 

Wenn die letzte Flamm' erloschen

Im Gebälk kein Schein mehr tanzt

Wenn das letzte Ofenknacken

Im Sinistren fad verhallt

 

Dann lugt ein Widerschein durchs Türenschloss

Dann schürft ein Zungenwurm im Schlüsselloch

Dann spielt die Geisterhand das Türenband

Dann springt der Drudenzopf aufs Haupte ihr

 

Glimmend Violett

justament verschleiert

opulentes Atembeben

 

Saftig Ebenholz

dornenreich umschmeichelt

unbedachtsam Saphirfunkeln

 

Rankend Lederband

spielerisch weist den Weg

ins nektarisch Passionsspalier

 

Die Rippenspinne vielverschlung'ner Anker

ihrem schwirrend

Flirren der Decke empor

 

Die Wirbelkordel gibt salzne Kinder frei

in deren Bogen

ein Nest aus trübem Schmuck

 

Die Inbrunstsrufe dröhnen ihr entgegen

knirschend geduldet

vom Kreuzgratgewölbe

 

Selbstzerwürfnis

blüht in Agonie

Sündenpfuhl trauter Heimstätte

 

Seelenhauch entflieht

dem Verzückungskerker

legt ihr Verfallensmut anheim

 

In Vergessenheit erkannt

vom Alluneinigen

blüht ein Zergliederungsexzess

 

Zerschmettert und erloschen

ein Augapfel zwischen Gebeinen rollt

 

Zergliedert und erhoben

ein Knochenturm Fundament sich sucht

 

Zernichtet und erhaben

ein Seelenhauch Ikonen formt

 

 

Aerosol

 

 

In Qualm ich greife

Wolkenheim ätherisch

schäl ich aus dem Überall

 

Ins Kolossale

staken Pfeiler

spannen auf die Himmelskuppel

 

Fundamentfragmente

füg behände

ich, Schicksalsarchitekt

 

In gedrechselt Gauben

Heiterkeit zölastisch

Ich klangvollen Respekt erweis‘

 

In Schwaden schürf ich

Angeln, hänge Tore

die Liebste ich Willkommen heiß‘

 

In ihren Augen

Saphirglanz in Nachtesruh‘

meinem Sein Bestimmungsort

 

In Sälen lad‘ Ich

inmitten Alabaster fein

zu Trunk und Tanze ewiglich

 

In ihrem Lächeln

karmesinrot am Firmament

meines Daseins Distinktion

 

In üppig Äther

legen wir das Zeugnis ab

einzig Wille grenzenlos

 

In ihrem Singen

der tausend Sonnen Luminanz

meinem Sinnen Tragweite

 

In sanften Federn

ich lauteres Gelübde hauch‘

Hingabe meiner immer dar

 

In ihrem Rücken

spiegelt sich das Sterngesprengsel

teilnahmslos und indolent

 

Die Stiegenhäuser

obsidian Skelettversuch

trutzen Gottes apathisch‘ Glanz

 

 

Exodium

 

 

Morgenerst springt

um Wipfel kess

 

Weißer Rock getränkt

in Furcht und Zorn

 

Füllfederhalter

im Aschensee

 

Schwarzer Gallensaft

auf Steingrund klopft

Botschaft perniziös

 

Lederband getunkt

in Fett und Blut

von Nächten wach verbracht

 

Schamskulptur drapiert

mit Grabesruh

 

Gaukelspiels Beschwer

Gemeinplatz nur

 

Strickschimäre steigt

der Sonne zu