Urbane Reflektionen bei Nacht

 

 

Adam Reinhardt, 51 Jahre alt.

 

Ihr Name ist Adam Reinhardt und Sie zählen jeden Abend die Gräber unter ihrem Fenster auf dem Münchner Waldfriedhof. Die Lage der Gräber, schön umgeben von Sträuchern, Büschen und Bäumen, welche unbedacht jeder Symmetrie zum Himmel gewachsen, gibt Ihnen jeden Abend zu denken.

Jeden Abend denken Sie an all die armen Seelen der vielen Verstorbenen. Diese Seelen haben hier wohl ihre letzte Ruhestätte gefunden. Zumindest sagen das alle Ihre Freunde.

Sie glauben nicht daran, dass diese Seelen hier eine Ruhestatt ihr eigen nennen. Die Seele als metaphysische Abstraktion unseres Daseins, als Verdichtung, als Überlagerung, ja als Verklumpung eines jeden Lebens, die Seele also halten Sie ausnahmslos für eine rastlose, suchende, umherirrende Entität, der Sie keinerlei Unbeschwertheit oder Gelassenheit zuschreiben können.

Alles, was Sie je erfahren haben, verunmöglicht Ihnen diese Zuschreibung. Alles, was Sie sich im Stande sehen zu denken, spricht gegen diese Zuschreibung. Nichts, was Sie sich vorstellen können, lässt diese Zuschreibung als Möglichkeit bestehen.

Sie glauben zu wissen, dass alles, was Sie glauben auch wahr ist. Ihre Glaubenssätze sind Ihr Horizont, Ihr Raum der Möglichkeiten. Diese Glaubenssätze beschreiben ihr Universum, sie stellen die Regeln auf, nach denen dieses Universum sucht, sich unter deren Oktroyieren windet, sich biegt und flattert, gegen die das Universum aufbegehrt und in deren Schranken es sich weisen lassen muss. Gebrochen, zermalmt, ausradiert und mit der Pflicht vertraut, jeden Abend sich neu zu konstituieren, auf dem altbekannten Fundament Ihrer Glaubenssätze. Sie konstituieren sich jeden Abend als das Produkt ihrer Glaubenssätze, ihre Glaubenssätze sind das Produkt ihres Lebens. Unmögliches ist Ihnen unmöglich zu denken.

Dass eine Seele in Frieden ruht, ist Ihnen nicht möglich zu denken. Sie können sich kein Leben vorstellen, dessen Resultat eine in sich ruhende, gelassene, unbeschwerte metaphysische Abstraktion des Daseins in einem Erdhügel sein soll. Sie können diesen Zustand des Nichtmehrfragens, des Nichtmehrwollens, des Nichtmehrzürnens, des Nichtmehrtrauerns, des Nichtmehrbegehrens, des Nichtmehrverachtens, sie können diesen Zustand nicht mit der menschlichen Natur in Einklang bringen. Was bleibt, wenn wir all das aus unserem Nachleben nehmen? Was bleibt, wenn wir all das in jedem einzelnen Moment durch sein Gegenteil neutralisieren? Das fragen Sie sich.

Vieles in der Natur besteht für Sie aus erfreulicher Harmonie, aus angenehmem Rhythmus; so erscheinen Ihnen wie von Geisterhand geführt die Anordnung von Kernen einer Sonnenblume, das Haus der Schnecke, die Segmente eines Tannenzapfens. Jeden Abend sehen Sie die gefallenen Zapfen über den Gräbern verstreut, sehen Sie das Vollkommene die Vergänglichkeit schmücken. Die Natur kann für Sie nur beständig zwischen teuflischem Chaos und göttlicher Harmonie oszillieren. Ein solch vollkommener Gegenstand wie der Tannenzapfen ist zu Ihrem Bedauern dem Zufall ausgesetzt, der allein über ihn entscheidet. Aber, der Zapfen erträgt es in Gottvertrauen und kommt seiner Bestimmung nach. Nur dem Menschen bleibt es versagt das Chaos zu akzeptieren, zugewandt der Harmonie, den Augenblick als solchen gewähren lassen, seiner Bestimmung zu genügen. Unbewusst. Denken Sie.

Dem Menschsein liegt für sie zu Grunde, dass er strebt, er zweifelt, er tüftelt, er rüttelt an den Grundfesten des Daseins, er transzendiert dieses, wenn auch nur durch seinen Hochmut. All das für ein Loch auf einer Wiese voller Erdhügel.

 

Ihr Name ist Adam Reinhardt und Sie zählen diese Erdhügel jeden Abend und hoffen, einmal das Grab Ihrer Frau zu übersehen.

 

 

Michelle Dupont, 63 Jahre.

 

 

Ihr Name ist Michelle Dupont und Sie sind die einzige psychisch gesunde Person in dieser psychiatrischen Anstalt.

 

Sie sitzen an diesem Fenster seit nun mehr fast drei Monaten. Um genau zu sein - und Sie sind in dieser Frage gerne genau – sitzen Sie hier seit 87 Tagen und 14 Stunden. Just in diesem Moment ist es 23:37, wie Ihre Lange 1 Mondphase Sie erinnert und Sie erinnern sich, wie Sie an einem wunderschönen Vormittag Ihre Schritte in die Nussbaumstraße lenkten. Es war exakt 9:37 als Sie um Einlass der Privatstation baten. Seitdem sitzen Sie hier, an diesem Fenster und schweigen. Einige der 'Mitpatienten', wie diese sich nennen, versuchen Kontakt zu Ihnen herzustellen. Versuchen Ihnen zu vermitteln, dass sie genau wüssten, wie es Ihnen geht, denn sie seien an genau dem gleichen Punkt gewesen. Der Fehler deren Gedankengangs ist es anzunehmen, dass Sie ebenfalls eine „Mitpatientin“ sind. Das Versagen deren Verstandes ist es, anzunehmen, dass Sie diesen Punkt, das Fenster zum Innenhof, ausschließlich von Leidensdruck getrieben erwählten. Seit nun mehr fast zwei Monaten lassen jene Sie in Frieden.

 

Sie hab sich einer strikten Routine unterzogen. Jeden dritten Tag begeben Sie sich in das behindertengerecht eingerichtete Bad und duschen Ihren Körper. Sie verspüren dabei so etwas wie Befreiung, als würden Sie eine weitere Etappe Ihres Lebensweges bewältigt haben. Wenn Sie dann wieder am Fenster sitzen wissen Sie, dass dem nicht auch nur annähernd so ist. Neben den regelmäßigen Duschausflügen wohnen Sie auch immer Montags der Oberarzt- und Mittwochs der Chefarztvisite bei. Die Ärzte geben vor, sie wüssten, wie sie Ihnen helfen könnten. Diese Frage ist für Sie an Absurdität kaum zu übertreffen. Sie bedürfen keiner Hilfe, keiner Begleitung auf Ihrem Weg. Von Woche zu Woche reagieren die Ärzte sichtlich ungehaltener auf Ihr Schweigen. Die Tabletten, die diese Ihnen einflößen wollen, nehmen Sie nicht. Immerhin ist Ihr Italienisch hinreichend ausgeprägt, um zu erkennen, dass die Ärzte Sie und Ihren scharfen Verstand derart benebeln wollen, auf dass Sie sich in den Klinikalltag einfüge wie die anderen, mental bereits weitgehend zu Grunde gesundeten.

 

Dabei fragen Sie sich, welchen Schaden Sie den Ärzten zufügen könnten. Sogar die Schwestern machen sich diese vermeintliche Kränkung zu eigen und üben psychischen Druck auf Sie aus, die Medikamente zu nehmen.

 

Sie machen sich keines Vergehens schuldig. Alles, was Sie tun, hier am Fenster des Aufenthaltsraum, ist den Ausführung der wahrlich Kranken zu lauschen. Gerade jetzt, also kurz vor Mitternacht, vermengen sich deren Stimmen zu einer Kakophonie pendereckischen Ausmaßes und treiben Ihnen Vormenschliches ins Bewusstsein. Sie denken beim Anblick des wolkenverhangenen Vollmonds an Arnulf Rainer, der einst sagte, unsere Zivilisation sei ein vergeblicher Versuch, ohne Kunst leben zu können. Sie stimme dem großen Verwischer und Entführungsmeister ohne Vorbehalt zu, denn Sie können ganz gewiss nicht ohne Kunst leben. Nicht ohne der Kunst der Kranken, die Sie zurückführen an einen Ort an dem Ihr Bewusstsein endlich frei und ohne Korrekturen.

 

Jedoch inmitten dieser Ansammlung von Gesunden, von Ärzten und Schwestern, von Psychologen und Sozialarbeitern, von Lehrern und Politikern, von Metzgern und Verkäuferinnen, inmitten all dieser bleibt Ihnen nur diese eine Korrektur.

 

 

Armin Haider, 37 Jahre.

 

 

Ihr Name ist Armin Haider und Sie wünschen sich, dass die Rechtsmedizin eines Tages weit über der Stadt, für alle gut sichtbar, in einem dieser Stahlbetonglaspalästen untergebracht werde.

Sie erfahren viel über das Leben derer, die da lebenslos vor Ihnen auf den auf Hochglanz polierten Tischen liegen, Ihren Sinnen zur Offenbarung freigegeben. Sie erfahren mehr, als sich diese Menschen vermutlich vorstellen konnten, einmal Preis zu geben. Sie erfahren vor allem das, was die Angehörigen niemals wissen wollten. Sie, jedoch, halten mit Zorneseifer daran fest, dass die Angehörigen dies wissen sollten. Denn wie um alles in der Welt soll Trauer möglich sein, deren Grundlage das Verkennen des Verstorbenen ist!? Das mag Ihnen so gar nicht einleuchten. Nicht nur die Angehörigen, alle sollten sie doch wissen, dass Nichts ohne Spuren bleibt. Dass unsere Körper bei unserem Tod eine zumeist hässliche, ausgemergelte, verstümmelte, von Chaos befallene Ansammlung von Spuren sind, die wir und das Leben in diese Körper meißeln. Wer, wenn nicht Sie, könnte das besser bezeugen. Sie prangern an, dass sich diese Gesellschaft in nur genau einem Punkt einig ist, auf dem all unser Zusammenleben basiert. Und dieser Punkt ist die Leugnung unserer unvermeidlichen Vergänglichkeit. Konstatieren Sie.

Sie haben Ihre Kunst im schönen Salzburg erlernt, eine Stadt, in der deutlich mehr Leichname obduziert werden als im angstdurchfressenen München. Das schätzen Sie an Salzburg. Sie spekulieren, ob die Obduktionsrate ihre Ursache in den vielen Selbstmördern findet, die sich jährlich angstdurchfressen in die Felsenreitschule stürzen oder in der allseits zugeschriebenen Morbidität Ihrer Landsleute oder in der drückenden Luft in der Stadt, eingekesselt zwischen Untersberg und Gaisberg, die die sterblichen Hüllen zum Platzen bringt. Sie sind also nur der filigrane Skalpellführer übermenschlicher Mächte, umtost von Leichenfetzen.

Sie genießen einen schlechten Ruf. In der Bevölkerung und auch unter „Ihresgleichen“. Wer in die Rechtsmedizin strebt, der weiche den Patienten aus, der stelle sich keiner Verantwortung („saund jo eh scho olle hienich“), der sei ein sozialphobischer Sonderling. Was diesen Ruf so genussspendend macht, ist die Freiheit, die er für Sie mit sich bringt. Der Doktorshut als Ihre Narrenkappe unserer Zeit.

Sie haben verinnerlicht, die Obduktion folgt einem strengen Ablauf, jeder Handgriff folgt dem Vorherigen in rationaler, stringenter Manier. Nichts darf von Ihnen übersehen werden. Übersehen Sie etwas, wird das Faktum verscharrt oder gar verbrannt und ist unrettbar der Vergessenheit überstellt. Also sind Sie äußerst gewissenhaft. Sie können von sich behaupten, keine Fehler zu machen. Sie haben Zeit. Sie werden nie gestört. Sie können sich ausnahmslos auf Ihre Aufgabe konzentrieren und in dem Fleischhaufen die Lebensgeschichte des Marionettenspielers lesen. Nichts entgeht Ihren Augen, Ihrer Nase, Ihren Fingerkuppen. Seien es die an komplexe Fraktale erinnernden Totenflecken einer in Würde gealterten, zierlichen Dame. Sei es das Gourmetmenü im Magen eines nun nicht mehr Gutbet

Sie empfinden Freude an und in Ihrem Beruf. Sie sind dankbar, diesen Beruf ausüben zu dürfen. Sie genießen das Vertrauen dieses Staates, ein Verbrechen dem Staatsanwalt zu melden, so denn eines vorliegt. Sie stehen in den wenigsten Fällen unter Zeitdruck, Sie haben einen Nine to Five Job, Sie haben ein Leben neben Ihrem Beruf. Sie können sich dieses Leben leisten, denn Sie verdienen gut. Ihr Chef lässt Sie in Ruhe, Sie respektieren sich gegenseitig und sind nicht darauf angewiesen, Ihre Sympathie außerhalb der Weihnachtsfeier zu bekunden. Niemand interessiert sich dafür, welche Kleidung Sie tragen, Sie tragen Dienstkleidung. Niemand interessiert sich dafür, was Sie von der neuen Kollegin halten, Sie haben keine Kollegin.

Nichts und Niemand steht zwischen Ihnen und Ihren Leichen, zwischen Ihnen und Ihrer Ekstase.

 

 

Ole Kristian Röning, 71 Jahre.

 

 

Ihr Name ist Ole Kristian Röning und Sie frieren unter bloßem Himmel, immer darauf bedacht, dass die Linsen Ihres Teleskop nicht anlaufen mögen.

Heute Nacht ist wieder eine dieser besonderen Gelegenheiten für Sie. Ihre Frau ist mit ihrer Schwester im Theater, das Wetter makellos, die Enkel bedürfen keiner Betreuung. Ihr Sohn kümmert sich dieses Wochenende einmal selbst um seinen Nach- und Beiwuchs, wie Sie sich genauestens erkundigt haben. So gerne Sie auch Zeit mit Ihren Enkeln verbringen, so anstrengend ist es den Jüngeren, Matthias – 5 Jahre, von Ihrem Teleskop fern zu halten, so mühselig ist es den Älteren, Friedrich – 9 Jahre, von der Sinnhaftigkeit Ihres Schauens zu überzeugen. Dabei sind Sie ein kundiger Schauer. Sie könnten den beiden so viel zeigen und erklären. Ihre Perspektive erweitern, eine Einordnung ihrer Bedeutsamkeit im Rahmen von Galaxienhaufen und Supernovae liefern. Aber das wäre viel zu früh, können Sie sich rechtzeitig im Zaume halten. Die beiden leben eine unbeschwerte Kindheit und gedeihen prächtig unbehelligt von Harm und Not und kosmischer Relativierung, hoffen Sie. Noch kreisen deren Welten um sie selbst und ihre Bedürfnisse. Dafür sind Sie sind dankbar, nicht Gott gegenüber, sondern einfach so. Auch dass Matthias und Friedrich so wenig Leid kennen mussten und jeden Tag die Gelegenheit erhalten, ihre Welt auf ein Neues zu erobern, lässt Ihren Blick milde in die Nacht schweifen.

Sie hingegen kennen das Leid, das ein so langes Leben wie Ihres unweigerlich mit sich bringt. Sie sind nicht zum ersten, sondern bereits zum zweiten Mal verheiratet. Ihre erste Frau hat Sie in einer dieser klaren Winternächte doch recht abrupt verlassen, fällt Ihnen beim Arretieren der Linsen ein. Ihre Frau besaß damals sogar die Dreistigkeit ihren Entschluss in astronomischen Bildern zu erklären, was sie bis heute irritiert. Sie, Ole, hätten an dunkler Materie und somit an Anziehung gewonnen, hätten die Kreise Ihrer Frau eingeschränkt und sie beide schlussendlich ausweglos in die Kollusion getrieben, versuchte Ihnen Ihre Frau damals zu verstehen zu geben. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Ihre Frau keine Liebe zu psychoanalytisch-astrophysikalischen Sprachspielen gekannt. Ihre Frau habe sich also im letzten Moment aus ihrem gravitätischen Bann echauffiert und eine Umlaufbahn um ein Gestirn gewählt, welches Sie nun, Ole, mit 'Roter Riese' ob seiner Farbgebung wie sterischen Ausbreitung nur euphemistisch so bezeichnen können. Die Ironie dieses Sachverhaltes blieb Ihnen sogleich im Halse stecken und sie fragten sich, ob nicht Ihre Askese Teil dessen war, was Ihre erste Ehefrau als die einschnürende Ewigkeit Ihrer Person bezeichnete. Sie denken an Blake und rezitieren leise auf Ihrer Dachterasse: Those who restrain desire, do so because theirs is weak enough to be restrained.

Ihre zweite Ehefrau lernten Sie in einem Volkshochschulkurs kennen. Achtsamkeit sollte erlernt werden und sie schlugen vor, diese Kunst der präzisen Beobachtung, dieses Dasein im Da-Sein, diese Konzentration auf das verschwindend gering ausgeprägte Zeitfraktal namens Moment, diese Bedachtsamkeit also am besten beim Blick ins Universum zu trainieren. Außer Ihrer jetzigen Frau erschien niemand des Nachts um kurz nach 2 in Ihrer gräfelfinger Villa. Sie hatten eine unübersichtlich Anzahl an Kanapees vorbereitet, Kaviar und Graved Lachs waren Ihre persönlichen Favoriten. Sie und Ihre zukünftige Frau saßen also in einer sichtlich chaotisch angeordneten Menge Kanapees und betrachteten die sichtlich chaotisch angeordnete Menge an Lichtpunkten im schwarzen Firmament. Chaotisch waren diese für Ihre zukünftige Frau so lange, bis Sie begannen, sie langsam und sachte in die Kunst der Astronomie einzuweisen.

Heute sehen Sie nur Altbekanntes durch Ihre über die Jahre immer teurer gewordenen Linsenapparate. Sie denken auch nur Altbekanntes. Wie oft haben Sie sich die Geschichte Ihrer beiden Ehen schon erzählt? Wie oft betrachteten Sie das Abbild des Abbildes des Abbildes Ihres Lebens? Und mit jeder Reproduktion, mit jedem krampfhaften Erinnern verblasst das Bild. Und im Verblassen Ihres gedanklichen Gegenübesr, das einzige an diesem Abend, verblassen auch Sie selbst.

„He, whose face gives no light, shall never become a star.“

 

 

Ramona Schmidt, 21 Jahre.

 

 

Ihr Name ist Ramona Schmidt und Sie leiden an einer nichtorganischen Insomnie. Oder ein Pavor Nocturnus hat Sie erweckt, aber das könnten Sie mir ja kaum bestätigen, spräche ich Sie darauf an.

Viele Nächte, wie heute, laufen Sie durch Schwabing und versuchen, Ihre Gedanken zu ordnen und Beruhigung zu finden. Sie sind müde, sogar erschöpft, wenn ich Ihre Gesichtszüge genau im Licht der Münchner Freiheit betrachte. Hier bleiben Sie oftmals stehen und beobachten, wie sich spät nachts die U-Bahnfahrgäste nach dem Hervorquellen aus dem Untergrund in die verschiedenen Richtungen verteilen. Sie sind inzwischen geschult im Blick und können erkennen, wer heute nur noch nach Hause möchte in seine sehr schicke schwabinger Altbauwohnung, nach einem entbehrungs-reichen Tag; oder wer glaubt heute noch das große Los in der Partnerschaftslotterie zu ziehen und sich etwas zu betont lässig auf die Kneipen zubewegt. Sie erkennen die Pseudointellektuellen, die am liebsten Nachts durch den englischen Garten spazieren und große Reden vom Universum, dem Tod oder anderen hochkarätigen Themen fuhren. Sie erkennen auch die anderen Schlaflosen, manche grüßen Sie sogar.

Aber wenn die Schlaflosen die einzige Gemeinschaft ist, derer Sie Teil werden können, bleiben Sie vorzugsweise alleine und wenden Ihre Schritte also Richtung Nymphenburg. Das ist ein weiter Weg aber sie haben Zeit und keinen Grund, morgen ausgeschlafen in Ihrer Arbeit zu erscheinen. Ihr Studium brachen Sie bereits nach 2 Semestern ab, seitdem verdingen Sie sich als Gehilfin in einer großen Versicherung. Sie indizieren Akten, verteilen die Post und sehen gut aus dabei. Sehr gut.

Heute Nacht, wie jede Nacht, haben Sie sich nicht besonders heraus geputzt. Sie tragen bequeme Schuhe, in dem Wissen, dass auch heute wieder einige Kilometer zu bewältigen sein werden. Ihre Jacke ist keine von den neumodischen Daunenjacken, sondern ein olivgrüner Parka. Mütze, Handschuhe und Schal sind aus schmuckloser Wolle und die Beule in Ihrem Parka lässt auf eine Thermoskanne Tee hindeuten. Sie sind gut vorbereitet.

Ihre Vorbereitung hilft allerdings nicht im Mindesten, denn auch heute können Sie den Finger zwar in die Wunde legen, aber nicht erkennen, was diese Wunde verursacht. Ihre Gedanken sind erst von rasender Ziellosigkeit - Möglichkeiten, die alle Entscheidung notwendig machen - und erschlagen Sie dann überfallsartig mit bitumenhafter Lethargie, für die Sie noch kein Lösemittel gefunden haben. Sie fragten sich sicherlich schon mehrmals, ob Sie wohl an einer Borderlinepersönlichkeitsstörung leiden, denn dieser Wechsel zwischen innerer Leere und unkontrollierbarer Emotionalität kommt Ihnen verdächtig vor. Auch auf diese Frage haben Sie noch keine Antwort gefunden.

Zu einem Psychiater zu gehen ist Ihnen suspekt. Er könnte zwar die Frage nach der Diagnose beantworten, jedoch würde ihn das ermächtigen auch über Ihre Ängste, Phantasie und Gelüste zu urteilen. Gerade Nachts überkommt Sie in den still beobachtenden Wänden Ihrer Zweizimmer-wohnung die ein oder andere Idee, deren Realisation zwar große Spannungsreduktion mit sich brächte, aber könnten Sie sich danach noch dem Psychiater stellen? Gerade weil dieser zur Ermöglichung einer Übertragungsneurose absolute Abstinenz und Neutralität verspricht, fürchten Sie die Konfrontation.

Vieles haben Sie unternommen um sich Ihren Dämonen nicht stellen zu müssen. Alkohol war der Anfang, über Kokain landeten Sie bei Heroin. Das benebelt vorzüglich, lässt auch tief schlummern, wie Sie sich grad sehnsuchtsvoll erinnern. Mit tiefem Bedauern mussten Sie sogleich feststellen, dass dieser Lebensstil nicht gänzlich praktikabel ist.

Also das nächtliche Wandern durch die Stadt. An jeder Ecke etwas, was sie noch nie sahen, was nachts so anders wirkt, als am Tag, auf dem Weg zur Arbeit. Also das Suchen, das ewige Suchen in der schwarzen Suppe, durchzogen von Neonfäden.

 

 

Sophia von Lambach, 42 Jahre.

 

 

Ihr Name ist Sophia von Lambach und Sie führen das perfekte Leben.

 

Auch wenn der heutige Abend wieder einer der etwas anstrengenderen ist, so ist doch keineswegs zu leugnen, dass der Grund der Anstrengung lediglich ein Ausdruck Ihrer Makellosigkeit, ja Ihrer unvermeidlichen Großartigkeit ist.

Immerhin empfangen Sie heute Professoren, Staatsanwälte, Aufsichtsratvorsitzende und den ein oder anderen Schauspieler in Ihrer großzügigen, von altem Baumbestand umgebenen und mit milchig glimmenden Lampions illuminierten harlachinger Villa, damals entworfen und gebaut von Ihrem Vater. Gott habe ihn selig.

Ihr Mann erringt als mäßig erfolgreicher Bildhauer zwar nur mit Mühe sein Anrecht Teil dieser illustren Gesellschaft zu sein, macht sein überschaubares berufliches Fortkommen aber mit freundlichem Umgangston, gewitzter Gesprächsführung und genereller Herzlichkeit mehr als wett. Überdies ermöglich er damit Ihnen der Star des Abends zu sein, wie jeden Abend.

Vor einigen Jahren standen Sie noch selbst in der Küche, heute sind Sie froh, dass Ihre Bediensteten die lästige Aufgabe der Essenszubereitung übernehmen. Die Wahl, Kombination und Abfolge der Gerichte bestimmen Sie natürlich weiterhin mit großer Freude, Detailverliebtheit und eingedenk der Vorlieben Ihrer Gäste. Sie haben für alle Sonderwünsche Verständnis und schickten gerade heute Nachmittag die liebe Annemarie noch einmal nach Gorgonzola, frei von tierischem Lab.

Vermutlich war Ihnen heute Nachmittag, als Sie sich zurück zogen, sich auf den Abend vorzubereiten, schnell klar, in welch edles Tuch Sie Ihren wunderschönen Körper hüllen werden. Wie jeden Abend, an dem Sie Gastgeberin sind, nehmen Sie vorher ein Bad und lassen sich von Wogen der Entspannung an einen anderen Ort bringen.

Jetzt am Abend strahlen Sie in Ihrem Ensemble diese Selbstsicherheit mit jeder Bewegung, jedem Lächeln, jeder kleinen Geste der Aufmerksamkeit für Ihre Gäste aus, mit der man geboren sein muss.

Die Gäste versuchen etwas bemüht zu übersehen, dass Ihr Kleid Ihren wohl geformten Körper dann doch mehr betont als verhüllt. Auch lässt die freie Schulterpartie und der sacht über Ihren Rücken und weitere Partien gleitende Saum Ihres Kleides Rückschlüsse über die Absenz jeglicher Unterwäsche zu. Ihrem Mann ist dies natürlich ebenfalls nicht entgangen und er sieht sich einmal mehr zum Voyeur degradiert. Wenn einer von Ihnen beiden den letzten vollzogenen Geschlechtsakt terminlich noch zuordnen kann, dann Ihr Mann. So ist also der Voyeurismus alles, was ihm bleibt.

Es bleibt ihm zu bemerken, wie Ihre Brüste unter dem straffen, schwarzen, dezent silbrig glitzernden Stoff bei jeder noch so sachten Bewegung einen kleinen Tanz des Hohns und Spottes ausführen. Zu sehen, wie bei glutvollen Blicken dieser wiewohl talentbefreiten, körperlich jedoch ungemein überzeugend ausgestatteten Schauspieldilletanten Ihre Brustwarzen einen deutlich wahrnehmbaren, kecken Schatten werfen. Zu ahnen, wie im etwas fortgeschrittenen Teil des Abends - man zieht sich auf die Ottomanen etc. zurück - der Schlitz in Ihrem Kleid das Bemühen desselben, Ihre Oberschenkel zu verbergen, fast unmöglich macht. Und zu riechen, wie der Duft Ihres Geschlechtes irgendwann für alle wahrnehmbar eine Einladung für alle ausspricht.

Nur für Ihren Mann nicht. Das bleibt ihm also, zur Inflammation seiner Phantasie und als Erinnerung bei der allabendlichen Selbstaufgabe im eigenen Schlafzimmer.

 

Aber was solls, immerhin hat sich einer der Gäste neulich seine Vorhaut vor versammelter Mannschaft zunähen lassen. Ohne Narkose. Manchmal muss man sehr weit reisen, um sich selbst zu finden.

 

 

Manfred Stengl, 53 Jahre

 

 

Ihr Name ist Manfred Stengl und wenn Sie gerade keine Lust haben, Ihre Aufmerksamkeit dem Fernseher zu widmen, stehen Sie am Fenster und fragen sich, wie es soweit kommen konnte.

 

Matthias, Ihr inzwischen 21 Jahre alter Sohn - Ihr einziger - ist jetzt schon fast vier Monate irgendwo da draußen und Sie haben noch immer nichts von ihm gehört, außer dieser einen Postkarte. Aber es fällt Ihnen schwer, sich keine Sorgen zu machen, zu glauben, dass das wirklich das Beste für Ihren Sohn ist, dass es ihm unbestritten gut geht und dass es für Ihre Väterlichkeit keinen größeren Ritterschlag geben könne, als ihn nun gehen zu lassen. Sie haben sich vieles von Ihrem Sohn sagen lassen, ihn oftmals erwachsener behandelt, als er es vermutlich brauchte und gut für ihn war. Aber jetzt, jetzt lassen Sie sich nicht anschaffen, wie sie die Situation zu bewerten hätten.

 

Wohin, mit wem, warum, für wie lange, für immer, als Flucht, als Lektion, als Versuch, als das Normalste der Welt.

 

Früher standen Sie mindestens ebenso lange jeden Tag an diesem Fenster. Matthias war ein lebendiges, bewegungsfreudiges Kind, das oftmals bis in die Abendstunden mit Freunden Fußball oder was auch immer spielte. Er erzählte meist wenig davon, setzte sich glücklich und zufrieden an den Tisch und verschlang Unmengen an von Ihnen liebevoll zubereiteten Salamibroten. Manchmal mit einem Stück Gurke garniert, manchmal mit Silberzwiebeln, manchmal mit Senf, manchmal mit Meerrettich, in den letzten Jahren auch mit Ayvar. Dann drückte er Sie meist kurz und verschwand in sein Zimmer um dann irgendwann ins Bett zu gehen.

 

Er musste immer rechtzeitig ins Bett gegangen sein, da Sie von den Lehrern nie eine besorgte oder kritische Nachfrage gestellt bekamen. Überhaupt war Matthias so etwas wie ein unauffälliges Kind, wenn es das überhaupt geben kann. ‚Überhaupt‘ war eines seiner liebsten Worte. Mit diesem schaffte er es immer wieder Ihre aufkeimenden Zweifel, Sorgen oder auch die seltenen Momente von Tadel zu entkräften und Sie darauf hin zu weisen, dass ja überhaupt nichts wichtiger sein können, als dass es Ihnen beiden gut gehe und da das gegeben sei, oder Papa? brauche man sich auch gar nichts anderem mit mehr als müßiger Güte, aber im Grunde abwesendem Interesse zuzuwenden.

 

Vielleicht haben Sie ihn schon früher verloren, denken Sie jetzt. Vielleicht war diese Sorglosigkeit, das Unbekümmerte, das Unbeschwerte Ihres Sohnes schon immer Ausdruck seiner Verlorenheit und eigentlicher Ruf nach Hilfe, nach jemandem, nach Ihnen!, der ihn auf die Unwägbarkeiten des Erwachsenseins vorbereiten möge. Sie haben einmal gelesen, dass in einer Dyade, also einer Beziehung zwischen zwei Menschen, dass also in so einer Dyade oftmals die beiden Beziehungsführenden zwei entgegengesetzte Extreme eines Spektrums einnehmen. Er hat Sie also in die Sorge getrieben und Sie ihn in das Sorglose. Bei all dem Auseinanderstreben haben Sie ihn verloren und er irrt jetzt durch die Stadt da draußen, ohne auch nur im Ansatz gelernt zu haben, wie er sich darin zu recht finden kann, denken Sie.

 

Manchmal hört man ja von Organisierter Kriminalität, die Menschen entführen, verkaufen oder gar deren Organe ausweiden. Gerade solche Menschen würden ja so einen Stuss, wie diese Postkarte schreiben. Um Sie in Sicherheit zu wiegen. Manchmal berichtet das Fernsehen über diese Banden.

 

 

Christian Erhardt, 37 Jahre

 

 

Ihr Name ist Christian Erhardt, aber das wissen Sie nicht.

 

Sie sitzen auf dieser Bank am Rande des Westparks, als wäre es Ihre Bestimmung genau jetzt auf dieser Bank zu sitzen. Sie strahlen diese Gewissheit aus, wie man sie von den geistig ganz Großen oder den ganz Armen kennt. Sie zählen zu letzteren. Leider.

 

Oder, so wie Sie da sitzen, stimmen Sie dem letzten Satz vermutlich gar nicht zu. Sie verstehen nichts von dieser Welt und können sich glücklich schätzen, nichts verstehen zu müssen. Um Sie herum wird telephoniert, Termine in Smartphones eingetragen, Entscheidungen, die eine ganze Familie in den Untergang hinabreißen könnten spontan gefällt. Menschen machen sich Gedanken zu Ernährung, zur Syrienkrise, Apple versus Samsung, Brioni, Gazprom und wäre Oskar Lafontaine damals doch nur nicht, der Schmidt war noch ein aufrechter Demokrat! Was macht eigentlich die RAF?!

 

Bald wird Sie Ihre Mutter abholen und nach Hause begleiten. Sie kauft für Sie ein, erledigt alle Hausarbeiten und vor allem die so wichtige Korrespondenz mit der Unfallversicherung. Gut, die eigene Familie hat Sie verlassen und das Haus wirkt auf einmal sehr sehr groß und dunkel. Aber Ihre Mutter ist extra aus Hamburg in den Süden gezogen, und was mehr brauchen Sie? Ein Gedächtnisverlust ist die beste, nein die perfekte Voraussetzung fürs Erlernen der Kunst der Achtsamkeit. Sie kennen nichts, als diesen einen Moment. Aktuell ist dieser vom aufkeimendem Grau der Dämmerung und den letzten Rufen der Mütter, die ihre Kinder nach drinnen rufen, bestimmt. Aus den Küchen dringt der Duft von Kurzgebratenem, der Berufsverkehr ist schon seit einer ganzen Weile im Erliegen begriffen. Ich korrigiere mich, der Verkehr ist ruhig und die Gespräche der Passanten sind ob ihrer geringen Anzahl klar auseinander zu halten, so erleben Sie diesen Moment.

Oftmals setzt sich eine alte Frau zu Ihnen und klagt Ihnen ihr Leid. Sie hören zu, das können Sie gut und Sie schenken den alten Damen Ihr Vergessen. Nirgends sonst ist das Leid der Anderen besser aufgehoben als in den unermesslichen Tiefen Ihres ehemaligen Gedächtnisses. Sie sind stark, nichts wirft Sie aus der Bahn, Sie ringen nie um Fassung, egal, was Ihnen berichtet wird. Ihnen fehlen die Zusammenhänge, das Wissen um die Welt, aus der die Geschichten an Sie heran dringen. Sie haben keine Probleme mehr und auch keine Lösungen. Die Menschen, die sich zu Ihnen setzen schätzen genau das an Ihnen. Sie urteilen nicht und Sie wissen auch nichts besser. Sie wissen gar nichts. Sie sind. Sie sind purer Moment, pure Achtsamkeit, pure Emotion. Sie sind echt, ängstlich, als Ihnen die Mutter von der Mukoviszidoseerkrankung ihrer eigenen Tochter erzählte und Sie sich vorstellten, ersticken zu müssen; traurig, als ein Rentner Ihnen berichtete, dass sein geliebter Enkel aufgrund einer Knöchelverletzung nicht am Schulsportfest teilnehmen konnte; erfreut, als Sie erfuhren, dass niemand dem ehemaligen KZ-Aufseher etwas anhaben kann, da er nun schon so lange unter falschem Namen lebe. In Ihrer Haltlosigkeit sind Sie streng und stark, Sie begegnen allen Menschen gleich, offen, zurückhaltend und bringen jedem ein Mindestmaß an Vertrauen entgegen. Ihr Herz schlägt wie eine Roulettekugel in diesem Moment unbeeindruckt vom Letzten. Ihr Herz, es ist wie ein Bergwerk. Sie sind der Salzstock, imposant und für alle ein zugängliches Anschauungsstück menschlicher Gleichgültigkeit. Sie sind das Endlager.

 

Da, Ihre Mutter ist schon da. Morgen vielleicht, ja morgen, da erzähle ich Ihnen meine Geschichte.